2025
Magdeburg, eine der ältesten Städte in Sachsen-Anhalt, blickt auf eine über 1.200 Jahre lange Geschichte zurück. Aus einer im Jahr 805 erstmals erwähnten Siedlung entwickelte sich im Mittelalter ein wichtiges Handelszentrum. Im 19. Jahrhundert wuchs Magdeburg zu einem bedeutenden Industriestandort, der Menschen aus verschiedenen Regionen anzog.
Parallel zur wirtschaftlichen Modernisierung verschärften sich in der Zwischenkriegszeit die politischen Konflikte. In Magdeburg gewannen nationalsozialistische Kräfte an Einfluss, während demokratische Parteien unter Druck gerieten. Politische Entwicklungen im benachbarten Land Anhalt wirkten dabei in die Region hinein: 1932 ging dort die NSDAP als stärkste Partei aus den Landtagswahlen hervor. Anhalt gehörte damit zu den ersten Ländern unter nationalsozialistischer Führung.
Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler 1933 begann der rasche Umbau des Staates zur Diktatur. Parlament und Gewaltenteilung wurden ausgeschaltet, die Opposition unterdrückt, die Länder gleichgeschaltet. Magdeburg und Anhalt fasste die NSDAP im Gau Magdeburg-Anhalt zusammen. Staatliche und parteiliche Machtstrukturen griffen ineinander und machten lokale Politik zunehmend vom Willen der nationalsozialistischen Führung abhängig.
Verschiedene Bevölkerungsgruppen wie jüdische Bürgerinnen und Bürger, politische Gegnerinnen und Gegner, Sinti und Roma, Homosexuelle sowie Menschen mit Behinderung wurden entrechtet und aus dem öffentlichen Leben verdrängt. 1938 erfolgte die erste große Deportation dieser Menschen aus Magdeburg; ab 1942 nahmen die Deportationen systematisch zu. Sie führten in verschiedene Ghettos und Vernichtungslager – vor allem nach Theresienstadt, Warschau, Auschwitz und Treblinka.
Seit 2007 erinnern die Stolpersteine auch in Magdeburg an die Schicksale dieser Menschen.
1
Arvid Harnack
Harnackstraße · Magdeburg
Arvid Harnack wurde am 24.05.1901 in Darmstadt geboren. Er legte ein Notabitur ab, war für kurze Zeit in den „Freikorps“, studierte Rechtswissenschaften und promovierte. 1926 heiratete er Mildred Fish und zog mit ihr in die USA. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete Arvid ab 1933 im Reichswirtschaftsministerium und schloss sich Widerstandsgruppen an. Er gründete eine „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetischen Planwirtschaft“ und knüpfte Kontakte zu Regierungsvertretern, die das NS-Regime ablehnten. Außerdem berichtete er Mitarbeitenden der amerikanischen und sowjetischen Botschaften von der politischen und wirtschaftlichen Lage im Deutschen Reich. Um als regimetreu wahrgenommen zu werden, trat er 1937 in die NSDAP ein und wurde 1942 sogar Oberregierungsrat.
Seit 1940 arbeitete Arvid Harnack eng mit Harro Schulze-Boysen zusammen und unterstützte die Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“. Anfang 1941 gaben beide einem Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft Hinweise auf den geplanten deutschen Angriff auf die Sowjetunion. 1942 wurde Arvid Harnack verhaftet und am 22.12.1942 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Seine Frau Mildred wurde 1943 ebenfalls hingerichtet.
Text: Eric (15), Linus (15), Oliver (14)
2
Emma Rothenstein & Elisabeth Waldstein
Geißlerstraße 3 · Magdeburg
Emma Rothenstein wurde 1852 in Barby geboren. Sie heiratete Julius Rothenstein und bekam mit ihm die Töchter Ida und Else. Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie in einem Pflegeheim in Magdeburg. Dort war sie der Entrechtung und Ausgrenzung durch das NS-Regime ausgesetzt. Am 23.03.1939 unternahm sie einen Suizidversuch und starb kurz darauf an den Folgen.
Ihre Tochter Ida wurde 1875 in Barby geboren und heiratete den Kaufmann Paul Heilbrun. Nach seinem Tod 1924 zog sie nach Magdeburg und lebte mit ihrer Mutter Emma zusammen. Später musste sie in ein sog. „Judenhaus“ umziehen. Am 25.11.1942 wurde Ida nach Theresienstadt deportiert und später ermordet.
Elisabeth Waldstein wurde 1871 in Magdeburg geboren. Mit ihrem Ehemann Leib Waldstein bekam sie eine Tochter. Nach der Scheidung zog Elisabeth mit ihrer Tochter Funny zurück nach Magdeburg. Funny studierte Medizin und leitete eine Praxis, die sie 1933 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft schließen musste. Im Mai 1942 wurde Elisabeth in ein sog. „Judenhaus“ zwangsumgesiedelt. Am 02.12.1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.
Text: Emil (14), Marie-Sofie (14), Svea (15)
3
Fam. Mannes, Laura Cohn & Philipp Lilienfeld
Einsteinstraße 10 · Magdeburg
Hamann Mannes wurde am 04.02.1891 in Vegesack bei Bremen geboren. Er heiratete Johanna Cohn. Die gemeinsame Tochter Lieselotte kam 1926 zur Welt. 1930 zog die Familie nach Magdeburg, wo Hamann als Rohstoffhändler arbeitete. Ab 1938 verschärften sich die Repressionen des NS-Regimes, unter denen auch die Familie Mannes litt: Hamann durfte aufgrund seiner jüdischen Herkunft sein Geschäft nicht mehr betreiben; Lieselotte wurde mit zwölf Jahren der Schule verwiesen.
Am 14.04.1942 wurden Hamann, Johanna und Lieselotte Mannes sowie Laura Cohn (die Schwiegermutter Hamanns) mit dem ersten der großen Transporte aus Magdeburg in das Ghetto Warschau deportiert. Noch im selben Jahr wurde die Familie im Vernichtungslager Treblinka ermordet.
Philipp Lilienfeld wurde 1876 in Magdeburg geboren. Der gelernte Kaufmann wurde im Juni 1938 im Rahmen der sog. „Aktion Arbeitsscheu“ verhaftet. Diese Maßnahme richtete sich gegen Menschen, denen (zumeist fälschlicherweise) Arbeitsunwilligkeit vorgeworfen wurde. Am 26.02.1940 wurde er gemeinsam mit 824 anderen Häftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet.
Text: Huyen (15), Joudi (14), Pascal (15)
4
Hermann & Cecilia Lerner
Leibnizstraße 18 · Magdeburg
Hermann Lerner wurde am 14.07.1888 in Polen geboren. Mit seiner Frau Cecilia und seinen Töchtern Chava und Liesa zog er nach Magdeburg. Hermann führte bis 1935 eine Herrenschneiderei, die er nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze 1935 aufgeben musste. Wenig später wurden seine Töchter der Schule verwiesen. 1938 wurden Hermann und Cecilia nach Polen abgeschoben, später nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Liesa flüchtete nach Palästina, Chava erst nach England und dann ebenfalls nach Palästina. Beide überlebten.
Text: Atena (14), Judi (14), Medina (14)
5
Daniel Decourdemanche
Hegelstraße 5 · Magdeburg
Daniel Decourdemanche wurde 1910 in Paris geboren. Er studierte Germanistik und arbeitete als Lehrer und Schriftsteller. Er veröffentlichte unter dem Namen „Jacques Decour“. 1930/31 war er Austauschlehrer am Domgymnasium in Magdeburg, wo er den zunehmenden Einfluss des Nationalsozialismus erlebte. Diese Erfahrungen beschrieb er in seinem Buch „Philisterburg“, in dem er vor der Gefahr des Nationalsozialismus warnte. Zurück in Frankreich schloss er sich dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung an. Am 17.02.1942 wurde er in Paris verhaftet und am 30.05.1942 von den deutschen Besatzern erschossen.
Text: Atena (14), Judi (14), Medina (14)
6
Fam. Schneider, Hermann Rath & Gertrud Bendix
Hegelstraße 37 · Magdeburg
Georg Ismar Schneider wurde am 22.06.1876 in Polen geboren. 1911 heiratete er Rosa, mit der er vier Kinder bekam: Edith, Kurt Siegbrecht, Margot und Karl Heinz. Georg Ismar führte ein Textilgeschäft, das er 1934/35 aufgrund des zunehmenden Drucks der Nationalsozialisten aufgeben musste. Edith verweigerte den Hitlergruß und durfte daher kein Abitur ablegen und nicht studieren. 1939 flüchtete sie nach England. 1940 wurden Margot und Karl Heinz zur Zwangsarbeit verpflichtet. Karl Heinz starb 1941 unter ungeklärten Umständen. Am 14.04.1942 wurden Georg Ismar, Rosa und Margot ins Ghetto Warschau deportiert und vermutlich im selben Jahr in Treblinka ermordet.
Hermann Rath wurde am 12.08.1913 in Leipzig geboren. Als polnischer Staatsangehöriger wurde er 1938 im Rahmen der sog. „Polenaktion“ verhaftet und nach Polen abgeschoben. Ihm gelang die Flucht nach Belgien, wo er 1940 erneut verhaftet wurde. 1942 wurde er in Auschwitz ermordet.
Gertrud Bendix wurde am 06.04.1881 in Magdeburg geboren. Über ihren beruflichen Werdegang ist nichts bekannt. 1942 wurde sie ins Warschauer Ghetto und später nach Treblinka deportiert, wo sie vermutlich starb.
Text: Djuna (15), Hannah (14), Serafina (14)
7
Elfriede Schild
Liebigstraße 9 · Magdeburg
Elfriede Schild wurde am 25.12.1879 in Magdeburg geboren. Sie stammte aus einer wohlhabenden und in der Stadt angesehenen Kaufmannsfamilie. 1903 heiratete Elfriede den Prokuristen Max Schild. Dessen Vater leitete eine große Getreidehandlung in Magdeburg, die Max zusammen mit seiner Mutter und später mit seinem Bruder Ludwig weiter ausbaute. 1904 wurde Werner, der Sohn des Ehepaars, geboren, der jedoch 1925 im Alter von 21 Jahren plötzlich verstarb.
Nachdem auch ihr Mann 1934 verstarb, lebte Elfriede allein. Sie erlebte die antisemitische Verfolgung, die Pogrome und die Emigration ihrer Geschwister. Ihre Versuche, zu ihrem Bruder in die Schweiz auszuwandern, scheiterten. Stattdessen wurde Elfriede mehrfach gezwungen, in immer kleinere Wohnungen umzuziehen. Ihre Lebensbedingungen verschlechterten sich erheblich. Aufgrund ihrer Herzschwäche bat sie um Hilfe, die ihr verweigert wurde.
Am 14.04.1942 wurde Elfriede in das Ghetto Warschau deportiert. Im Sommer wurde sie im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Ihr Todesdatum ist nicht dokumentiert.
Text: Aaron (14), Johannes (14), Viet Dung (14)
8
Nathan & Henrietta Aronsohn
Hegelstraße 26 · Magdeburg
Nathan Aronsohn wurde am 18.11.1874 in Lautenburg geboren. Mit seiner Frau Henrietta hatte er drei Söhne. 1923 gründete er in Magdeburg das Handelsunternehmen „Puppen und Ersatzteile“, das bis 1936 rund 70 Mitarbeitende beschäftigte. Als die Nationalsozialisten Druck auf ihn ausübten, seine Firma zu „arisieren“, entschloss sich Nathan, das Unternehmen zu verlassen und die Emigration in die USA zu planen.
Am 10.11.1938 wurde Fritz, der Sohn des Ehepaars, während der Reichspogromnacht ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Dort wurde er unter Druck gesetzt, Deutschland zu verlassen. 1940 gelang es ihm mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern auszuwandern.
Nathan und Henrietta scheiterten mit all ihren Auswanderungsversuchen. Sie wurden gezwungen, in ein sog. „Judenhaus“ zu ziehen, bevor sie 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurden. Henrietta starb dort, Nathan überlebte und wurde 1945 befreit. Er zog zu seinem Sohn Fritz in die USA, wo er 1958 im Alter von 84 Jahren in Lancaster, Pennsylvania, starb.
Text: Joshua (15), Julian (15), Oscar (15)




























